Schaufensterpuppen
Spiegelbild unseres eigenen Ideals
Ein Kleidungsstück entfaltet seine Schönheit niemals unabhängig von seinem Träger, doch kann man an einer Schaufensterpuppe schon erahnen, wie das Kleidungsstück wirkt.
Korb- und Drahtgestelle bildeten gegen Ende des 19. Jahrhunderts díe Anfänge der hübschen Statisten. Ohne Kopf, mehr der Sache verschrieben, nämlich Mode darzustellen, wie sie nah dem Körper aussieht. Mehr um Wirkung als um Identifikation bemüht. Im Laufe der Entwicklung begann die Schaufensterpuppe Abbild des jeweiligen Schönheitsideals zu werden. Über die rubensartigen Frauenfiguren zur Zeit des Wirtschaftswunders bis hin zu Twiggy. Heute gibt es ein breites Spektrum an Schaufensterpuppen, alle einem großen Ziel verschrieben, nämlich die Aufmerksamkeit verbeilaufender Menschen einzufangen. Sie in den Bann zu ziehen und ihre Lust zu wecken, das ausgestellte Kleidungsstück selbst einmal tragen zu wollen. Puppen mit und ohne Kopf, stark geschminkte und dezente Köpfe, junge Mädchenkörper oder Frauenkörper darstellend, schlanke hochgewachsene Puppen, kurvenreichere Körper bis hin zur Idee der lebendigen Schaufensterpuppe.
In Frankreich gibt es ein Pilotprojekt, in dem ein Kaufhaus Männer im Altersintervall von 19-35 Jahren zur Verfügung stellt, damit Kundinnen auch ohne ihren Partner die passende Herrenmode auswählen können. Es geht eben nicht mehr nur um Darstellung, eine hübsche Hülle ohne Persönlichkeit. In der heutigen Zeit kann man der Schaufensterpuppe ansehen, was das Geschäft verkörpern möchte. Eine fiktive Persönlichkeit, der Prototyp des jeweiligen Wunschkunden, ein genauer Blick genügt scheinbar um zu wissen, wie die Schaufensterpuppe ihre Freizeit verbringen würde, ob sie Schweinshaxe oder Sushi bestellt hätte und welcher Einkommensklasse sie zugehörig wäre.
Ist es ein Kaufhaus für korpulentere Menschen, so weist auch das Abbild üppige Formen auf, sind junge Menschen die Zielgruppe, entdeckt man eventuell ein Nasenpiercing oder rosafarbende Haare an der stillen Schönheit und steht man vor einem "Massengeschäft" scheint auch die Puppe soeben von einem Fließband auferstanden zu sein. So bilden Schaufensterpuppe und ausgestellte Kleidung eine Einheit, ein Lifestyle Gesamtpaket, dieses ermöglicht dem Kunden eine schnelle und sichere Identifikation und erwirtschaftet dem Kaufhaus Mehreinnahmen. Man betritt ein Geschäft lieber, das die beste Freundin ausstellt, als eines, das die Chefin oder den spießigen Nachbarn verkörpert. Es ist die Mixtur aus realtitätsgetreuer Darstellung des jeweiligen Klientel und der phantasievollen Entfremdung hin zum Idealbild, was die Schaufensterpuppe in ihrer Wirkung so einzigartig macht und weder von lebendigen Menschen noch von Kleiderständern erzielt werden kann.